Das Problem der Überalterung in Japan – Japans niedrige Geburtenrate

9. Oktober 2019

„Die japanische Gesellschaft überaltert und hat deswegen bald ein riesiges Problem“. Diesen Satz oder so ähnlich hört man oft in Verbindung mit Japan. Was heißt es aber eigentlich, dass eine Gesellschaft überaltert und welche Probleme gehen damit einher? Ich möchte mir das Problem der Überalterung und der niedrigen Geburtenrate in Japan ein wenig genauer mit euch zusammen ansehen.

Der Stand der Dinge in Japan

Wie ist die momentane Lage in Japan? Das Ministerium für Inneres und Telekommunikation in Japan erhebt regelmäßig Daten zu der Anzahl und dem Alter der Menschen, die in Japan leben. Schauen wir uns folgenden Grafen einmal an.

Quelle: https://www.stat.go.jp/data/topics/topi1191.html

Hier können wir in den Balken die Gesamtzahl der Bevölkerung Japans sehen. Die Zahlen unten an den Balken sind die Jahreszahlen nach der Heisei-Zeitrechnung. Das Jahr 30 entspricht dabei dem Jahr 2018 unserer Zeitrechnung. Wir können sehen, dass es im Jahr 2008 (Heisei 20) einen Piek mit ca. 128 Millionen Menschen in Japan gab. Seit dem Jahr 2008 fällt die Anzahl, der Japaner aber stetig, sodass wir im Jahr 2018 nur noch bei ca. 126 Millionen Japanern sind.

Die rote Linie ist der Anteil der über 65 Jährigen und die blaue Linie die der über 75 Jährigen. Die schwarze Linie stellt den Anteil der unter 14 Jährigen dar. Wir sehen hier, dass im Jahr 2018 der Anteil der über 65 Jährigen bei 28,1% liegt und der der unter 14 Jährigen bei 12,2%. Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass eine Gesellschaft überaltert. Der Anteil der älteren Menschen wird immer größer und der der jüngeren immer niedriger.

Das Problem an einer solchen Entwicklung ist, dass die älteren Menschen durch die Sozialsysteme unterstützt werden müssen und diese Sozialsysteme in der Regel durch Steuern finanziert werden. Diejenige Gruppe von Menschen, die Steuern zahlen kann, ist die Gruppe der zwischen 15 bis 64 Järigen. In diesem Alter kann man nämlich arbeiten gehen und zahlt Steuern, sowie Geld in die Sozialkassen ein. Wie wir im Grafen unten sehen, schrumpft der Anteil, den diese wichtige Gruppe an der Gesamtbevölkerung in Japan hat, ebenfalls kontinuierlich.

Quelle: https://www.stat.go.jp/data/topics/topi1191.html

Die Balken geben die Gesamtzahl der zwischen 15 bis 64 Jährigen an. Diese hatten mit ca. 87 Millionen Menschen einen Piek im Jahr 2007. Seitdem schrumpft die Gruppe und ist im Jahr 2018 mit ca. 75 Millionen Menschen auf einen Anteil von 59,7% der Gesamtbevölkerung gekommen. Dies mag zuerst einmal nicht so wenig klingen, aber wenn man sich anschaut, dass der Anteil an der Bevölkerung im Jahr 1992 (Heisei 1) noch bei 69,8% lag, dann ist das immerhin ein Abfall von 10% was dann doch relativ viel ist.

Dies heißt, dass die Anzahl der Menschen, die Steuern zahlen und in die Sozialkassen einzahlen zunehmends kleiner wird und sich die Frage stellt, wer in Zukunft die Rente und soziale Absicherung der Menschen in Japan erwirtschaften soll. Wenn wir uns anschauen wie die Menschen in der Gruppe der 15 bis 64 Jährigen zahlenmäßig verteilt sind, dann wird das Problem noch deutlicher.

Quelle: https://www.stat.go.jp/data/topics/topi1191.html

Diese Abbildung zeigt auf der Y-Achse das Alter der Personen und auf der X-Achse die Anzahl der Menschen, die sich in der jeweiligen Altersgruppe befinden. Der blaue Bereich steht dabei für die Männer und der rote Bereich für die Frauen. Wir sehen hier, dass sich nur recht wenige Menschen in den jüngeren Altersgruppen befinden. Dafür befinden sich in den Altersgruppen ab 40 Jahren wesentlich mehr Menschen und wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, dann gibt es immer mehr ältere Menschen, die von einer wesentlich kleineren Anzahl an jungen Menschen durch Sozialsysteme usw. gestützt werden müssen. Die grauen Balken bilden den Zustand im Jahr 1989 ab. Zu dieser Zeit war es genau andersherum. Man hatte viele junge Menschen und wenig ältere Menschen.

Die Geburtenrate in Japan

Die Entwicklungen, die wir uns in den vorangegangenen Grafen angeschaut haben, kommen vor allem zustande, weil in Japan weniger Kinder geboren werden, als Menschen sterben. Ist die Geburtenrate in einem Land sehr niedrig, so kann es die Anzahl der Menschen, die in ihm leben auf lange Sicht nicht halten. Damit die Bevölkerungsanzahl genau gehalten werden könnte, bräuchte man eine Geburtenrate von 2,0. Das würde bedeuten, dass jede Frau im Land 2 Kinder bekommt und somit sich selbst und den Vater des Kindes ersetzen würde. Schauen wir uns die Geburtenrate von Japan im Jahr 2018 an, dann sehen wir, dass diese bei 1,44 (Quelle: MHLW) liegt, was nicht mal annähernd an den 2,0 dran ist und somit dazu führt, dass jedes Jahr mehr Japaner sterben, als geboren werden und die Bevölkerungsanzahl somit sinkt.

Japan ist im Übrigen nicht das einzige Land, was damit zu kämpfen hat. Auch Deutschland steht mit einer Geburtenrate von 1,60 (Quelle: MHLW) nicht wirklich besser dar und Länder wie Südkorea, welches eine Geburtenrate von 1,05 (Quelle: MHLW) aufweist, haben sogar noch größere Probleme als Japan.

Aufgrund der niedrigen Geburtenrate versucht Japan immer wieder Anreize für Familien zu schaffen Kinder zu bekommen, aber im Angesicht der enormen Kosten für die Geburt eines Kindes (mehrere tausend Euro) und die extrem hohen Kosten für die Universität können sich Kinder in der Regel nur Familien mit viel Geld leisten. Natürlich haben auch Familien mit weniger Geld Kinder, aber die Kinder solcher Familien haben es oft nicht immer ganz einfach und ihnen bleibt es in der Regel verwehrt auf eine Universität zu gehen und somit relativ sicher einen guten Job zu bekommen.

Man muss fairerweise aber auch dazusagen, dass das Problem mit der Geburtenrate nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Man könnte denken, dass wenn ein Land die Bedingungen für Familien Kinder zu bekommen verbessert die Geburtenrate, dann auch schlagartig ansteigt. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein und selbst Länder wie Schweden, in denen die Bedingungen für Familie und Kinder sehr gut sind, kämpfen damit eine Geburtenrate von 2,0 zu erreichen. Man beobachtet nämlich folgendes: Je wohlhabender und entwickelter ein Land ist, desto niedriger ist auch die Geburtenrate. Gerade gebildetere Menschen scheinen weniger Kinder zu bekommen, als Menschen aus eher bildungsfernen Schichten.

Es gibt also eine ganze Menge an Faktoren, die eine Rolle zu spielen scheinen und welche Faktoren genau dafür verantwortlich sind, dass in allen modernen Industrienationen die Geburtenrate abnimmt, ist schwer zu sagen. Auch die Einführung der Pille, welche Frauen die vollkommene Kontrolle über das Bekommen von Kindern gegeben hat, könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Momentan können wir nur spekulieren, aber eine Lösung des Problems scheint definitiv nicht so einfach zu sein, wie einige Menschen glauben.

Prognose für die Zukunft

Geht man davon aus, dass sich in den nächsten Jahren nicht drastisch etwas an der Geburtenrate tun wird, so sehen Prognosen bis zum Jahr 2060 für Japan wiefolgt aus:

Quelle: http://www.soumu.go.jp/johotsusintokei/whitepaper/ja/h28/html/nc143210.html

Wir sehen im blauen Teil des Balkens die Anzahl der über 65 Jährigen, im grünen Teil die der 15 bis 64 Jährigen und im roten Teil die der unter 14 Jährigen. Bis zum Jahr 2060 nimmt der Anteil der über 65 Jährigen stark zu und der der Steuerzahlenden (15 bis 64 Jährige) wird immer geringer. Zudem nimmt der Anteil der unter 14 Jährigen ebenfalls rapide ab. Wie die Sozialsysteme bei einer solchen Zusammensetzung der Gesellschaft funktionieren sollen, ist etwas was momentan keiner so richtig weiß und auch ist unklar, was das für die Wirtschaft bedeutet.

Eines ist jedoch klar: Wir sitzen alle im gleichen Bot und so wie es aussieht wird eine der größten Herausforderungen der Zukunft nicht eine Überbevölkerung sein, sondern ein rapider Schwund der Weltbevölkerung, denn selbst in Ländern wie China, die einst eine Geburtenrate von über 6 hatten, sterben mittlerweile mehr Menschen pro Jahr als geboren werden

Gibt es Lösungen?

Ich persönlich denke jedoch, dass Japan und auch der Rest der Welt dieses Problem lösen wird. Lösungen werden viel diskutiert, aber bisher scheint noch niemand eine universelle Lösung gefunden zu haben. Eine Möglichkeit könnte darin liegen die Anreize für Familien weiter auszubauen und damit einhergehend auch eine Änderung der Arbeitskultur zu erwirken. Gerade in Japan arbeiten viele Menschen sehr viel und lange, was dazu führt, dass sie kein richtiges Privatleben mehr haben und die Lust auf Kinder auch nicht wirklich vorhanden ist.

Ein weiterer Bereich, in dem eine Lösung stecken könnte, ist meiner Meinung nach die Technik. In den letzten Jahren macht die künstliche Intelligenz immer mehr Schlagzeilen weltweit und auch sprechen viele Menschen davon, dass es nicht genug Arbeitsplätze für alle geben wird. Vielleicht gleicht der Schwund an jungen Menschen aber gerade diesen bevorstehenden Arbeitsplatzmangel aus und am Ende sind genau so viele Jobs wie Menschen da. Auch könnte uns die Technik helfen eine neue Art zu Leben zu entwickeln, sodass es vielleicht gar nicht mehr so schlimm ist, dass niemand in die Sozialsystem einzahlen kann, weil es dieses vielleicht gar nicht mehr gibt und man etwas neues entwickelt hat.

Wir leben in einer extrem schnelllebigen und vom Wandel begleiteten Zeit, in der man kaum vorhersehen kann, was in den nächsten 5 Jahren passieren wird. Deswegen denke ich, dass man sich zwar Gedanken darüber machen sollte, wie man die Geburtenrate eventuell wieder ein wenig ansteigen lassen könnte, aber sich auch nicht zu viele Sorgen um die Zukunft machen sollte. Die Japaner waren schon immer erfinderisch und deswegen glaube ich, dass sie auch dieses Problem lösen werden.

Lasst uns gerne in den Kommentaren ein wenig diskutieren. Was denkt ihr über das Problem der Überalterung und der niedrigen Geburtenrate in Japan?

Falls euch Videos besser gefallen, könnt ihr hier im Übrigen mein Video zu der Thematik sehen!